Kritik: Die Glasmenagerie @Hamburger Staatsballett

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 07. Dezember 2019

Wann immer ich ein Klassiker der dramatischen Literatur zum ersten Mal von der Schriftsprache in eine körperliche Ausdrucksform übersetzt sehe, gehe ich mit einer ganz besonderen Spannung in den Theatersaal. Denn egal wie gut ich dieses oder jenes Stück kenne, durch die Bewegungen der Tänzer*innen auf der Bühne, bekomme ich immer wieder einen neuen Zugang zu so vertrautem Material.

John Neumeier hat im Laufe der letzten über 40 Jahre am Staatsballett Hamburg schon eine ganze Menge an literarischen, fürs Ballett eher untypische Stoffe vertanzt und widmet sich an diesem Abend ein zweites Mal in seiner Karriere dem amerikanischen Dramatiker Tennessee Williams und seinem Werk „Die Glasmenangerie“.

Neumeier fungiert mit seiner Choreografie und der Fokussetzung auf die Identitätsfindungsprobleme des Protagonisten Tom Wingfield, als eine Art Vermittler zwischen dem Leben des Autors und der Geschichte, die 1944 uraufgeführt wurde.

Es ist die Leidensgeschichte des Tom Wingfields und die Geschichte einer familiären Tragödie. Tom lebt gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter Amanda und seiner kleinen körperlich beeinträchtigten Schwester Laura und muss, seitdem sein Vater die Familien verlassen hat, die Rolle des Ernährers übernehmen. Obwohl er eigentlich viel lieber Maler sein würde, ist er gezwungen in einer Schuhfabrik zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Hin und Her gerissen zwischen Verantwortung und Freiheitsdrang, zwischen Liebe zu seiner Schwester und Ablehnung seiner Mutter, wird ihm zunehmend bewusst, dass er sein Leben nicht in einer heterosexuellen Beziehung führen möchte, sondern auf Männer steht und verliebt sich in Jim O’Connor – wunderbar lebensfroh und strahlend verkörpert von Christopher Evans – , dem allerdings auch seine Schwester verfällt.

Zunächst dachte ich, dass Neumeier die Zerrissenheit des Protagonisten szenisch durch eine Doppelbesetzung umgesetzt habe, doch als ich das Programmheft gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass der zweite Herr nicht die eine „Hälfte“ von Tom Wingfield ist, sondern Tennessee selbst darstellen sollte. Das ergibt im Nachhinein natürlich auch Sinn, da ohnehin viele Motive aus dem Leben des Autors aufgenommen wurden, wie u.a. die versteckte Homosexualität, aber leider ist mir das erst im Nachhinein bewusst geworden. Ich vermute, dass Neumeier genau mit dieser Verwechselung spielen wollte, und hoffe einfach ein bisschen, dass ich nicht die einzige war, die da wohl ein bisschen was vertüdelt hat.

Grundsätzlich lebt die Inszenierung von der ungeheuren Ausdruckskraft der Solist*innen. Zu der Musik von Charles Ives, Philip Glass und Ned Rorem nimmt sich Neumeier die Zeit, ganz genaue differenzierte Porträts der Geschwister Wingfield zu zeichnen. Alina Cojocaru tanzt in der Rolle der Rose ganz fantastisch ein Mädchen, das sowohl zerbrechlich als auch sehr hoffnungsvoll ist. Jede Bewegung wirkt ganz unmittelbar auf mich, sodass es mich wirklich tief berührt, sie tanzen zu sehen.

Alle drei Familienmitglieder sind gefangen in ihren Neurosen, in sich selbst und sind Produkt einer immer gleichförmigen Gesellschaft. Sie sind Außenseiter in der amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre und doch halten sie sich fest, fangen sie sich auf bis es sie doch zerreißt, als sich Tom gegen seine Familien für sein Leben als Künstler entscheidet.

Ein kurzweiliger Abend, der durch die Zeit, die er sich nimmt besticht und mit den fabelhaften Solist*innen glänzt, da kann ich auch über die „Show“-Elemente und die künstlich eingesetzten Ensemble Szenen hinweg sehen.

Zur Inszenierung

Die Glasmenangerie // Ballett von John Neumer, nach Tennessee Williams // Uraufführung 01. Dezember 2019 //

Vorstellungsdauer: 2 Stunden 30 Minuten | 1 Pause
1. Teil: 80 Minuten, 2. Teil: 45 Minuten

Musik: Charles Ives, Philip Glass, Ned Rorem und Fragmente der Musik aus Tennessee Williams‘ Schauspielen
Choreografie, Bühnenbild, Licht und Kostüme: John Neumeier
Filme: Kiran West

mit

Laura Rose Wingfield: Alina Cojocaru
Amanda Wingfield: Patricia Friza
Tom Wingfield: Félix Paquet
Jim O’Connor: Christopher Evans
Tennessee: Edvin Revazov
Das Einhorn: David Rodriguez
Malvolio: Marc Jubete


2 Kommentare zu „Kritik: Die Glasmenagerie @Hamburger Staatsballett

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  1. Liebe Theatertanten, danke für eure Kritiken, die im Laufe der Zeit immer differenzierter wurden, ohne gekünstelt zu sein. Ihr steckt so viel Arbeit und Zeit darein und habt bestimmt alle auch noch eine Menge Anderes zu tun. Ich lese eure Rezensionen alle gerne und freue mich auf ein neues Jahr mit euren Beiträgen. Nun aber erstmal: Fröhliche Weihnachtstage, wo immer ihr sie verbringt, und ich drücke euch die Daumen für ein 2020 mit viel Freude bei allem, was ihr macht.

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  2. Liebe Ulli, wir freuen uns so so sehr über deine liebe Nachricht und, dass du schon so lange verfolgst. Ganz liebe Grüße aus München und wunderbar feierliche Festtage dir. Hab du auch einen guten Start in das kommende Jahr. Deine Paulina, für die Theatertanten

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