Kritk: Leonce und Lena @Residenztheater

Foto: Sandra Then

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 7. Dezember 2019

Thom Luz zerpflückt Georg Büchners Drama auf allen Ebenen. Nichts ist so wirklich eindeutig. Der Handlungsstrang wird zerschnitten und scheinbar wahllos und dann doch verständlich wieder zusammengeklebt. Die Figuren können nicht zu hundert Prozent einem Schauspieler zugeordnet werden.

Der eigentliche Inhalt des Dramas wird nur peripher behandelt. Es ist ja auch keine besonders einzigartige oder komplizierte Geschichte, die dem Drama zugrunde liegt. Liebe, Verwechslung, Tragödie in königlichem Hause – ein klassischer Plot alla Shakespeare könnte man sagen.

Thom Luz beschäftigt sich mehr mit der Metaebene – dem Text zwischen den Zeilen. Er füllt gedankliche Lücken, die in Büchners Vorlage zugegebener Weise recht groß sind. Der Abend ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Diese Suche besteht aus scheinbar unzusammenhängenden Fragmenten, die sich durch verschiedene Merkmale auszeichnen. Das Bewegungsrepertoire der Schauspieler*innen führt in die Abstraktheit des Abends ein. Es sind unverständliche, unnatürliche, beinahe unbeschreiblich merkwürdige Bewegungen und Bewegungsrichtungen, die einen einstimmen auf lange Stille oder kurze laute Szenen, die gerade so durch die Musik ein Ganzes ergeben. Die Musik von Mathias Weibel verbindet die einzelnen Fragmente und gibt den abstrakten Bewegungen und der Sprache eine gemeinsame Grundlage. Durch sie entstehen Stimmungen, die den Zuschauer*innen teils mehr Inhalt vermitteln als gesprochenen Worte und Handlung.

Ein Moment der Inszenierung sticht für mich besonders hervor: Der Zuschauersaal wird komplett abgedunkelt. Sogar die grün leuchtenden Notausgangsschilder werden vom Personal des Residenztheaters mittels schwarzer Bretter verdeckt. Das einzige Licht im Saal wird von einer bzw. zwei Kerzen gespendet. Zwei Kerzen am jeweils anderen Ende der Bühne, die den bespielten Raum eingrenzen. Abwechselnd werden sie, auf musikalische Zeichen hin, angezündet und verdeutlichen somit eine räumliche Distanz sowie die Intimität und Verletzlichkeit hinter den vorgetragenen Texten.
Jede*r, der schonmal im Residenztheater war, weiß wie groß der Bühnenraum ist. Eine einzige Kerze in einem solchen Raum nimmt die Anonymität und Fremdheit aus der Atmosphäre von einer so großen Gruppe an Menschen.  

Die Meinung des Publikums war nach Ende des Stücks sichtlich gemischt. Dem Großteil der Zuschauer*innen ist ein Fragezeichen ins Gesicht gemalt, doch es gibt auch begeisterte und jubelnde Stimmen. Ich reihe mich ziemlich mittig in dieses Meinungsbild ein. Zwar bleiben mir die choreographierten und musikalisch arrangierten Momente positiv in Erinnerung, doch fehlt mir Inhalt und Georg Büchners Vorlage, die – wäre sie nicht zu kurz gekommen – einen verständlicheren Rahmen hätte geben können auf der Suche nach dem Sinn.

Zur Inszenierung

Leonce und Lena nach Georg Büchner // Residenztheater // Premiere: 07.12.2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunden 25 min (keine Pause)

Regie und Bühne: Thom Luz
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Kostüme und Licht: Tina Bleuler
Dramaturgie: Katrin Michaels

mit

Annalisa Derossi
Elias Eilinghoff
Steffen Höld
Barbara Melzl
Daniele Pintaudi
Lisa Stiegler

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